Decolonise the Future!

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The presence of our digital societies is characterized more than ever by communication media. Today, social media in particular plays a significant role in the shaping, dissemination and implementation of opinions in the most diverse debates. With the fading of the representative publicity of classic print media, a new presentism simultaneously emerges, through which all kinds of states of mind, attitudes become a public matter for each and every one. More than a mere exchange of views, it is about the production of a social climate, in which moods and emotional states often determine the way our society designs itself for its future (but also the past).

Since the beginning of the millennium, we have been confronted with social conditions that have abetted the vague feeling of a ubiquitous threat and alertness, or, in short, a diffuse anxiety. Terrorist attacks as well as the corresponding security measures have contributed to the fact that foresight is clouded by the ongoing fear that even unforeseeable things have not been anticipated in time. Thus, a natural uncertainty of the future is mainly reflected in medialized anxiety scenarios of comprehensive catastrophes. The design of the future is driven by a concern for the preservation of present conditions. Hope, at best, has become the confidence to continue with the previous  and prevent impending dystopias in the last second. Utopias of a better society, however, seem to have become too risky. The status quo worries about its loss.

On the other hand, if we want to succeed in breaking the spell of this uncertainty, we need a redesign of our media-based expectations. Nowadays, if we are talking about future speculations, the image of derivative financial products, medical precautions, or even military preemptive strikes arises all too easily. However, the really speculative moment is lost: to connect the future with the hope that things can also take a turn for the better through unexpected events. Anything but a belief in miracles or superstition is the principle of hope: to allow the future its own right to be something else than the eternal return of the present.

The present problem, condensed in this anxious repetition compulsion, is the total colonization of the future – through a design of fear. Therefore we should no longer be afraid of the future, but rather for the future. To perceive this difference already gives hope for the future. There is and will be no future – unless we design hope.

 

Brauchen wir Design? – Oder braucht es uns?

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Lässt man einmal Revue passieren, was seit über 200 Jahren die Geschichte der (westlichen) Modernisierung wesentlich mitgeprägt hat, kommt man am Design nicht vorbei – heute mehr denn je. Mag auch weiterhin fraglich bleiben, was mit dem Programmwort „Design“ eigentlich gesagt sein soll, so fällt die Antwort auf die erste gestellte Frage hingegen eindeutig aus: Ja, wir brauchen Design.

Ob wir es nun in einem weiten Sinne auf die menschlichen Uranfänge zurückdatieren und es als anthropologisch Grundkompetenz verstanden wissen wollen oder ob wir es in einem engen Sinne eher auf die spezifischen Herausforderungen der (post-)industriellen Gesellschaft beziehen und es selbst als ein Produkt der modernen Geschichte begreifen; im einen wie im anderen Fall scheinen wir gegenwärtig schon keine Wahl mehr zu besitzen.

Wir „brauchen“ das Design nicht bloß im doppelten Sinne eines Benutzens und Bedürfens. Umgekehrt macht das Design mittlerweile den alltäglichen Gebrauch und Verbrauch von Arte- oder Mentefakten allererst möglich. Man denke nur an die App-Industrie, die ohne den gestalterischen Kunstgriff, Smartphones aus einer black box von Daten in einen black mirror von Nutzerbedürfnisse zu verwandeln, undenkbar gewesen wäre.

Doch damit nicht genug. Die Auswirkungen des Designs reichen bereits weiter und tiefer; so weit und so tief, dass das Design für uns zu einer Art Bedingung unserer eigenen Möglichkeiten als moderne Menschen geworden ist. Wie sich wohl jeder sofort eingesteht, der nicht die größten Anstrengungen aufbietet, sich noch des Gegenteils zu versichern, wären die meisten von uns kaum überlebensfähig, käme es bspw. zu einem endzeitlichen Szenario, in dem jeder technische Support von einem auf den nächsten Moment entfiele. Doch wäre daraus zu schließen, dass man seine „natürliche“ Autarkie gegen alle „technischen“ Verlockungen der Kultur wiedererlangen müsste? Streng genommen gehört es vielmehr seit jeher zur „Natur“ des Mensch zugleich seine „Kultur“ als eine „zweite“ Natur zu besitzen, ohne die von einer „ersten“ gar nicht die Rede sein könnte; eine Kultur der Künste und Techniken, zu denen sich spätestens mit der industriellen Revolution auch die Kulturtechnik des Design gesellt hat.

Doch diese designkritischen bis designskeptischen Anstrengungen selbst einmal genauer unter die Lupe genommen – wovon zeugen sie? Zunächst erhärtet sich der Verdacht: Der Versuch eines radikalen Ausstiegs, die Aufkündigung einer vermeintlich unnatürlichen oder uneigentlichen Lebensgestaltung scheint lediglich jene Ausnahme zu bilden, die wiederum eine Regel bestätigt, der sie im Grunde selbst noch verpflichtet bleibt. Wer sich heutzutage den Tücken des Designs zu entziehen sucht, findet sich unversehens bloß in einer anderen, wenn auch kritischen Form der „Lebensgestaltung“ wieder. Von alternativen Ansprüchen bis zu zeitweiligen Zugeständnissen – eine bewusste Auseinandersetzung mit Designfragen verstärkt vielmehr noch die Aus- und Einwirkungen des Designs, indem sie sie bis in die kleinsten Details der Lebensführung erweitert.

Unter den Bedingungen eines reflexiven Kapitalismus fungiert Kritik nicht selten selbst als Movens für eine weitergehende Kolonialisierung der Lebenswelt, gerade indem sie diejenigen Nischen erst auftut, die in der Folge kommerziell besetzt werden. Mag die unsichtbare Inskription „Fit for Fun“ über dem Eingang zur Hölle der Fitnessstudios (allein schon dieses Wort!) auch auf eine schiere Selbstparodie hinauslaufen, angesichts der wirklichen Herausforderung, sein Leben in der Wildnis zu meistern, so mangelt es letzterem nicht weniger an einer gewissen Tragikomik, es überhaupt noch darauf ankommen zu lassen – eingepackt in den neusten Frischhaltefolien von Jack Wolfskin. Man fasse dies gerne unter der Rubrik: „Jedem Tierchen sein Pläsierchen“, aber damit ändert sich gerade nichts an dem Umstand, sondern er findet sich erneut bestätigt, dass mittlerweile sowohl von kritischer als auch affirmativer Seite her zur allgemeinen Forderungen erhoben wird, sein eigenes Dasein als ein Design zu begreifen. – Wir brauchen nicht nur Design, wir sind selbst zu einem Designobjekt bzw. -objekt geworden.

Geht man von hieraus noch einen Schritt weiter, scheint sich mit diesem überdeutlichen Ja, jedoch umgekehrt die Frage zu stellen, ob das Design in Zukunft uns eigentlich noch braucht? – Diese zugestandenermaßen etwas radikale Skepsis gegenüber uns sogenannten Nutzern drängt sich jedoch bei Veränderungen unseres Alltags zusehendes auf, die wir nicht nur alle beobachten dürfen, sondern teilweise auch alle schon durchlaufen müssen. Benutzer und Benutztes gleichen sich nicht nur wörtlich immer mehr einander an. Was uns zu Designsubjekten in dem Sinne macht, dass wir nicht allein Akteure sind, die auf andere Objekte gestalterisch Einwirken oder sie gar hervorbringen, sondern dass wir uns selbst zu Objekten machen, egal ob in körperlicher (Kosmetik, Herzschrittmacher etc.) oder in psychischer Hinsicht (Coaching, Therapie etc.), die wiederum unsere menschliche Subjektivität verändert – diese gestalterische „Subobjektivierung“, wenn man so will, geschieht nicht von ungefähr in einem Umfeld, das den revolutionären Designbegriff der Moderne einer erneuten Revolution, gleichsam selbst einem Redesign unterzieht.

Design vermittelt heute nicht mehr nur zwischen Subjekten und Objekten, auch ist die Gestaltung von Intersubjektivität im Zeichen der social media mittlerweile schon eine Selbstverständlichkeit, sondern zunehmend geht es um eine Gestalt von Interobjektivität, die zuletzt wohl uns Menschen selbst noch außen vor lassen könnte. Gemeint ist damit eine beim Systemdesign ansetzende Tendenz des Designs von inter-maschinellen Abläufen, die im Zuge der Digitalisierung die Schwelle der Wahrnehmung überschritten hat und sich nun gleichermaßen in Sphären abspielt, mit deren Hyperkomplexität (bspw. Big Data) wir nur vermittels autonomisierter Programme  noch umzugehen vermögen.

Mit anderen Worten zielt die Frage, ob das Design uns eigentlich noch braucht, darauf ab, inwieweit es ein Fluchtpunkt der technischen Entwicklung sein könnte, dass es in Sachen Design zuletzt nicht mehr nur um die einseitigen Interessen menschlicher Nutzer geht, sondern gleichermaßen um die Interessen anderer Akteure (oder mit Bruno Latour: „Aktanten“) und zwar im Sinne eines künstlichen Lebens oder einer künstlichen Intelligenz, mithin um wechselseitige Interessen der Verständigung und Kommunikation. So wäre „Design“ in Zukunft womöglich nicht mehr nur Ausdruck des Projekts, Arte- und Mentefakte in den Dienst des Menschen zu stellen, sondern die Definition des Designs, zu der es paradoxerweise gerade zu gehören scheint, dass sie sich tagtäglich erweitert, befasste diese anthropozentrische Perspektive („Human-Centered Design“) als ein bloßes Moment einer weitaus komplexeren Struktur in sich. Das menschliche Dasein ist nur eine Gestalt des Designs.

Design steht demnach von Beginn (der industriellen Moderne) an für den Prozess einer fortschreitenden Hervorbringung und Hervorlockung dingweltlicher Potentiale, deren Produkte uns gegenwärtig schon als „Virtualitäten“ im Doppelsinne von Tugenden und Vermögen vor Augen stehen. Von einem modernen Fortschritt des Menschen oder gar der Humanität zu sprechen, scheint – abseits aller gängigen Kritik – nicht zuletzt deshalb einseitig, weil diese Sichtweise die dem Prozess eigenste Emanzipationstendenz gleichsam wie ihren blinden Fleck übersieht: die zunehmende Artifizialität der Objekte, ihre Künstlichkeit, ihre Kunst, ihr Können. Die Rede ist also von einer quasi objektiven Kunstfertigkeit, uns Mittel an die Hand zu geben und Wege zu eröffnen, die eifrigste und eigentümlichste Selbstsorge zu betreiben, mithin uns als lebende Kunstwerke zu entwerfen, wie Michel Foucault es bereits vorschwebte.

Doch alles hat seinen Preis, zumindest einen Tauschwert und auch für diese Gestalt von Schönheit muss man leiden. Wir designen nicht nur, sondern werden zugleich designt und zwar nicht nur von uns selbst als „Subobjekte“ oder als Exemplare der menschlichen Spezies. Jede google-Recherche ist ein Lernvorgang zugleich menschlicher sowie künstlicher Intelligenz. Nicht nur wir verstehen unsere mittlerweile hybride Umwelt besser, indem wir sie auf die unterschiedlichsten Informationen hin auslesen, sondern neben den verwendeten Assistenzsystemen, tut es auch zusehends die Umwelt selbst, indem sie uns umgekehrt besser einzulesen versteht.

Sollte uns also zuletzt nicht gerade dieser Umstand skeptisch gegenüber dem Design stimmen? Müssten wir nicht kritisch fragen: Dürfen wir Design derart überhaupt (ge)brauchen? – Die Antwort hierauf könnte lauten: Wir kommen ohne Design nicht mehr aus; wir brauchen und gebrauchen es ebenso, wie auch umgekehrt eine künstliche Intelligenz, die unser Dasein designt, auf uns (vorerst) nicht verzichten kann. Vielmehr ist Design gerade diejenige Bedingung der Möglichkeit von subjektiver und objektiver Interaktion, die der Modernisierung allererst ihre emanzipatorische Eigendynamik verschafft hat; eine Dynamik jedoch, die womöglich dadurch gerade schon über den menschlichen Horizont hinausweist.

Sind wir also im Begriff, uns selbst abzuschaffen, indem wir Kreaturen erschaffen, die uns über den Kopf wachsen? Diese Ironie der Kreativität, die auch vor Gott nicht halt gemacht hat, trifft womöglich auch uns, ja, hat uns womöglich schon getroffen. Man spricht bereits allenthalben von einer technologischen Selbstüberwindung des Menschen, spricht vom angebrochenen Zeitalter des Transhumanismus. Man muss nicht allzu skeptisch sein, um hieran einiges bedenklich zu finden; man sollte jedoch auch nicht derart hyperskeptisch sein, dass ein Nachdenken über eine womöglich posthumanistische Zukunft sich in Aporien des Unvorhersehbaren verliert. Die aktuelle Gegenwart ist nicht weniger aporetisch aus dem entgegen gesetzten Grund einer gnadenlosen Vorhersehbarkeit: Denn was bleibt uns noch – wenn wir ehrlich sind – von uns als Humanisten in Zukunft? Ja, was ist von den vergangenen Träumen des Humanismus heute überhaupt geblieben? Wollte man es positiv wenden, könnte man sich gut zureden: Es gehört zum Design des Menschen, auf ein ständiges Redesign angelegt zu sein. Doch manche Modelle erweisen sich in der Zukunft eben auch vom Ansatz her als veraltet.

Streng genommen sind wir gestalterisch in dieser Zukunft nun angekommen, und scheinen doch in Gedanken schon immer dort gewesen zu sein. Denn wem gehörten diese Gedanken, wer wäre ihr Autor, wer ihr Urheber? „Es denkt“, heißt es dazu trocken bei Nietzsche, und dieser moderne Zweifel an der eigenen Autorität hat die virtuell wikungsmächtigsten Gedanken hervorgebracht. Heutzutage sehen wir angesichts einer Augmented und Virtual Reality auch mit unseren eigenen Augen, wie weit ein nicht zwingend menschliches, egozentristisches Denken, eine neue netzwerkartige, dezentralisierte Intelligenz einerseits tatsächlich noch menschliche Bedürfnisse bedienen kann, während sie sich andererseits von jeder herkömmlichen Vorstellung des Menschen bereits verabschiedet hat. Doch gerade heute, wo wir uns unverhohlen mit Simulationen unserer Sichtweise und Simulakren unserer selbst umstellen, meint man doch zumindest den (einen) Gedanken klarer zu fassen: Das „Menschliche“ ist bloß eine Perspektive unter vielen, die zunächst und zumeist sich selbst im Blick hat. – So gilt nun auch in Sachen Design: An uns ist zu zweifeln, um in Zukunft nicht an uns zu verzweifeln.

(zuerst erschienen in KOMMA-Magazin 19, S. 53-55)

Cyberattacke als Generalstreik (Randnotiz)

Blackout

Was bei Georges Sorel der proletarische Generalstreik gegen die Bourgeoisie war, ist heute die Hacker-Cyberattacke gegen das digitale Establishment.

Eine neue GEWALT (im doppelten Sinne der Zerstörungslust, aber auch eines politischen Faktors) gewinnt zunehmend Freunde und vor allem Freude an sich selbst. Sie wird von der unternehmerischen oder staatlichen Macht zuletzt nichts mehr wissen wollen, auch wenn sie durch dieselbe Macht einer unternehmerisch und staatlich forcierten Digitalisierung allererst in den Stand gesetzt wurde, sie gerade empfindlich zu treffen oder längerfristig gar zu stürzen.

Von ähnlichen Hoffnungen oder Befürchtungen angesichts eines drohenden „Kladderadatsch“,  die man heute eher mit einem globalen „Blackout“ verbinden würde, nahm vor knapp 100 Jahren nicht nur der revolutionäre Syndikalismus seinen Ausgang, sondern auch der Faschismus…

Geisterstunde der öffentlichen Meinung

kaffeehaus

Die öffentliche Meinung lässt sich nicht auf die Repräsentation durch die Wählerschaft begrenzen, sie ist von Rechts wegen weder mit einem Allgemeinwillen identisch noch mit der Nation, der Ideologie oder einer Summe privater Meinungen, die durch soziologische Techniken und von modernen Umfrageinstituten analysiert werden. Sie spricht nicht in der ersten Person, sie ist nicht Objekt und auch nicht Subjekt („wir“, „man“); man zitiert sie, beruft sich auf sie, man bringt sie zum Reden, läßt sie reden, wie ein Bauchredner es tun würde („das wirkliche Land“ [„le pays réel“], „die schweigende Mehrheit“, Nixons „moral majority“, Bushs „main-stream“ usw.); doch dieser „Durchschnitt“ wahrt zuweilen die Kraft, gegen die Mittel zu opponieren, die dazu taugen, „die öffentliche Meinung zu lenken“, er leistet Widerstand gegen „die Kunst, die öffentliche Meinung zu verändern“ […] Dieser Gott einer negativen Politologie kann aber ohne ein bestimmtes Medium kein Lebenszeichen von sich geben und am helllichten Tag erscheinen. (Jacques Derrida, Die vertagte Demokratie, Berlin 1992, S. 83)

Die öffentliche Meinung ist ein Gespenst, das zugleich an einem bestimmten Ort in Erscheinung tritt und doch nirgendswo zu fassen ist. Was an dieser Meinung von allen und keinem öffentlich genannt werde kann, ist eine gewisse Transparenz auf die Hintergründe ihres Spuks. Wo die öffentliche Meinung umgeht, werden die Gemäuer durchlässig, die Wände porös und selbst die dicksten Tore zu schlüsselfertigen Schlössern. Gespenster werden heraufbeschworen und lassen sich selten wieder vertreiben, es sei denn, der Fluch legt sich. Doch welcher Fluch? Was ist der Fluch der öffentlichen Meinung gerade in Zeiten wie den unseren, in denen sie allzu leicht totgesagt wird? Die Geisterstunde hat geschlagen, doch hören wir sie ein- oder ausgeläutet?

Wenn heute viel die Rede ist vom Tod der bürgerlichen Öffentlichkeit und einer kritischen öffentlichen Meinung, dann tönen diese Abgesänge meistens aus den Kellergängen der digitalen Katakomben herauf. Ist der Tintenfluss nicht bereits versiegt und die Druckerschwärze schon längst verblasst, sobald sie an den Trag tritt? Ist das Medium der Meinungsbildung nicht unlängst schon ins Digitale diffundiert, wo es sich beizeiten wie im Wetterwechsel zu Clouds zusammenzieht, in Shit- und Candystorms herabstürzt oder einfach in unzähligen Video- und Chatkanälen vor sich hinplätschert?

Und ist dagegen die öffentliche Meinung, wie sie durch den Blätterwald weht nicht tatsächlich nur noch der müde Hauch eines Kinderschrecks, vor dem man sich kaum noch zu fürchten hat? Wer heute noch an die Kraft kritischer Meinungen in den traditionellen Printmedien glaubt, handelt sich schnell den Vorwurf entweder des Ewiggestrigen oder des Aberglaubens ein. Und wer sich darauf gar für die Aufrechterhaltung einer redigierten Öffentlichkeit stark macht, muss bereits damit rechnen, als Kollaborateur der Zensur getadelt oder gar als Lobbyist der Lügenpresse  beschimpft zu werden.

Doch wer klagt in solchen Situationen eigentlich wen und zwar wo an? – Die Antwort scheint einer gewissen Fiktion, Fingiertheit, ja einer ironischen Finte letztlich kaum entraten zu können: Die Klage erhebt, betrifft und beurteilt die öffentlich Meinung selbst. Doch was meint diese öffentliche Meinung heute von sich selbst, dass sie sich gerade gegen die Öffentlichkeit ausspricht in der Meinung, von sich selbst nicht mehr repräsentiert zu werden?

Es könnte einem gruseln, läge hier in nicht zugleich die Komik, dass unser Gespenst sich gewissermaßen selbst in Angst und Schrecken versetzt – so als ob es sich zum ersten Mal im Spiegel sähe. Was sich heute zuträgt, ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als der alte Spuk einer mediengestützten öffentlichen Meinung, die noch nie einfach nur eine, geschweige denn einhellig war. Gerade jene aber, die unter dem Vorwand der Aufklärung sogenannten Leitmedien den Vorwurf machen, ein Komplott zu bilden, sind gewissermaßen von dem eigenen Plot der Geschichte allzu sehr eingenommen, dass es am Ende immer eine und zwar eine einhellige Meinung über die öffentlichen Angelegenheiten geben müsste.

Das mag nun in manchen Ohren allzu optimistische klingen, scheint es doch zu Genüge Beispiel zu geben, die belegen, dass es in der Geschichte der modernen Demokratien durchaus immer wieder zu regelrechten Verschwörungen bestimmter Leitmedien gegen unerwünschte Zeitgenossen kam. Doch sich hierüber zu wundern, hat selbst das Verwunderliche an sich, dass ansonsten jedermann doch bereitwillig der anderen Seite des Januskopfes der Öffentlichkeit in die Augen blickt: Besprochen zu sehen, was besprochen wird, weil es besprochen wird. Famous for being famous. Die Aufmerksamkeitsökonomie der öffentlichen Meinung folgt der der Kapitalakkumulation. Entsprechend entsteht ehernes Schweigen weniger über Dinge, über die man schweigen sollte, als über ein Schweigen, das selbst gar nichts von einem Verschweigen weiß. Mit anderen Worten: Manche Meinungen werden allein darum nicht öffentlich, weil sie schlicht   niemanden interessieren, und wo sie sich dennoch kundtun, nicht kolportiert werden. Das Gegenteil von Gerede muss nicht immer das Verschweigen sein. Man kann auch Gerede verschweigen oder es erst gar nicht zur Kenntnis nehmen. Es gibt eine Indifferenz, auf die mancher  kaum hören will, der um Gehör bettelt; keine böswillige und dennoch eine gnadenlose Indifferenz, die ihrerseits auf niemanden hört: Stille.

Wenn demnach nicht alles Unerwähnte der öffentlichen Meinung Totschweigen ist, sondern beizeiten vielmehr das vermutete Schweigen eher selbst tot ist, dann nähern wir uns erneut dem Gespenstischen einer öffentlichen Meinung, die bei Lichte betrachtet gewissermaßen sofort vergeht, sobald sie nicht in den unterschiedlichsten Medien ihre Zuflucht findet. Denn in der Tat gibt es nicht die eine Repräsentation, die eine Identifikation oder die eine Instanziierung der öffentlichen Meinung und zwar schon allein aus dem Grund, dass sie keine Meinung mehr über etwas wäre, sondern geradewegs die Wahrheit desjenigen, dass sie stattdessen nur in Umlauf bzw. in den Diskurs der anderen Meinungen einbringt. Die öffentliche Meinung ist also per se bereits eine Pluralität von Meinungen, die gerade darin ihre Bedingung der Möglichkeit und Unmöglichkeit finden, dass sie sich in den unterschiedlichsten Medien zu bestimmten Zeiten und Orten verstreuen.

Wollte man es hingegen darauf ankommen lassen, die öffentliche Meinung durch einen totalitären Übergriff in die Hand einer bestimmten Partei zu bringen, so sähe man sich doch zuletzt dadurch vor das Problem gestellt, dass die öffentliche Meinung als Appellationsinstanz und Legitimationsbasis allein dort ihre Funktion erfüllt, wo sie sich als eine weitere Macht, gern auch als die vierte, behauptet oder als solche wenigstens behauptet wird. Selbst wo es einem Big Brother im Sinne George Orwells gelingen würde, jede Form der Informationsübertragung durch eine ausgeklügeltes System des Brain washing auf Parteilinie zu bringen, so würde sich doch zuletzt diese „Partei“ als „Teil“ (eines Ganzen zugleich anderer Teile) selbst konterkarieren. Wo die Partei nicht zumindest die Illusion aufrechterhält, lediglich ein Teil zu sein, statt das Ganze selbst, dort macht sie gerade die sie stützende Instanz einer unabhängigen öffentlichen Meinung und damit sich selbst als Illusion eines bloßen Teils, statt des Ganzen, zunichte.

Es braucht den Anderen bzw. die Anderen, sei es bei Orwell jenen Erzfeind, mit dem ein ewiger Krieg im Sinne des polemos herrscht, oder bei Staatsparteien vom Format der NSDAP, deren Führer sich immer noch durch die Ausnahme eines winzigen Prozentteils an Gegenstimmen von der Regel und Regelmäßigkeit der eigenen Herrschaft versichern müssen, mithin die Alternative im Sinne eines möglichen Bürgerkriegs, der stasis. Aber der Andere oder die Anderen, was sind sie anderes als die eigene Frage in Gestalt: die Anerkennung des Eigenen in der Meinung des Anderen oder in anderen Meinungen; kurzum: die anerkannte öffentliche Meinung, dass es überhaupt eine öffentliche Meinung, will sagen: dass es überhaupt öffentlich sichtbar eine andere Meinung als nur die eigene geben sollte – hätte man doch ansonsten nicht einmal eine Meinung über sich selbst als jemand anderes als die anderen (der es meinetwegen auch verdient, dass alle anderen ihn als ihren Meinungsführer wählen…).

Ein absolut-totalitärer Staat dagegen bräuchte keine öffentliche Meinung mehr, weil er bereits die offene und eigentümlichste Wahrheit seiner selbst wäre – eine Wahrheit freilich, die eigentlich nichts mehr meinte oder bedeutete, was andere noch interessieren könnte. Triumphale Stille, sei sie auch noch so erhaben über jedes Gerede, beantwortet der Mensch zunächst mit Schweigen, dann mit Verschwiegenheit und zuletzt mit einer Verschwörung gegen das Verstummen – sei es im Zuge eines polemos oder einer stasis.

Solange jedoch ein Staat mit der Tendenz zur Totalisierung noch darauf setzten muss, eine öffentliche Meinung für sich zu gewinnen (wie es bei den Volkstribunen/Populisten und Diktatoren stets der Fall ist) oder sie zumindest vorzuschützen, solange durchzieht einen totalen Konsens doch ein auch noch so zarter Riss. Mag der Riss auch hauchfein sein, irgendwann und irgendwo wird diese makellose Einhelligkeit von diesem feinen Hauch wie von ihrem Wiedergänger eingeholt werden – und von Geisterhand auseinanderbrechen.

Diese unsichtbare Hand ist, war und wird nie sein die eines einzigen „Gottes“ jener „negativen Politologie“. Die öffentliche Meinung wäre keine, wäre sie nur eine. Mehr als ein einsames Gespenst, war die öffentliche Meinung stets eine ganze Geisterschar von Phantasmen, Geschichten, Geheimnissen, Verschwörungen, Entdeckungen, Wahrheiten und auch Lügen. Darin besteht ihr göttlicher Fluch – aber auch ihr göttlicher Segen.

Data Mining und digitaler Kolonialismus

Data Mining

In den Hochzeiten des europäischen Imperialismus kauften Konquistadoren und Kaufleute im Austausch für bunte Perlen ganze Inseln und Länder. Im 21. Jahrhundert sind unsere persönlichen Daten vermutlich die wertvollste Ressource, über die die meisten Menschen noch verfügen, und wir überlassen sie den Technikriesen im Austausch für E-Mail-Dienste und lustige Katzenvideos. (Yuval Noah Harari: Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen, München 2017, S. 460)

Mochten die Konquistadoren des 16. und 17. Jahrhunderts noch die weißen Flecken der Landkarten erkunden und erobern wollen, heute erstrahlt alles bereits in einer blendenden Helle von augenblicklich abrufbaren Daten. Die globalisierte Welt ist kein sperriger Globus mehr, sie ist wieder zu einer Scheibe, zu einer Fläche, zu einer Unzahl schwarzer Rechtecke geworden, die man mit sich umherträgt.

Doch wer sind wir dabei, die wir auf diesem etwas eng gewordenen Planeten umherspazieren, während wir uns gleichzeitig in virtuellen Multiversen verlieren? Die neuen Herren der Schöpfung, zuständig für den Artenschutz von Würmern ebenso wie für das Weltklima?

Eher weniger. Auch den letzten liberalen Erdenbürgern dämmert mittlerweile, dass die meisten unter uns wieder zu Sklaven geworden sind, Sklaven, die geradeso ihr Leben meistern, ohne zu merken, dass sie es selbst sind, die von Gerätschaften, Applikationen oder Anbietern gemeistert werden. Wie es dazu kommen konnte, ohne dass man es eigentlich gemerkt hätte oder hätte merken sollen, ist eine lange Geschichte. Klar scheint nur, dass der heutige, digitale Kolonialismus sich von seinen Vorformen zumindest dadurch unterscheidet, dass wir selbst es sind, die sich bereitwillig preisgeben und zu Markte tragen.

Nach der Landnahme folgt die Ausbeutung. Was für unsere Außenwelt gilt, gilt gleichermaßen für unsere Innenwelt. Nach den Erkundungen der extensiven Dimensionen unserer Existenz kartographiert man nun auch die intensiven unserer Erfahrungen, Wünsche und Ängste. Die ehemalige terra incognita „Mensch“ scheint heute im Wesentlichen erschlossen, denkt man nur etwa an das Human Brain Project. So mag es kaum verwundern, dass man nun, wie es der Frühromatiker Novalis einmal formulierte, die Reise nach Innen antritt, um die inneren Schätze zu heben:

Wir träumen von Reisen durch das Weltall: ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unsers Geistes kennen wir nicht. – Nach innen geht der geheimnißvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft. (Novalis: Blüthenstaub, Fragment 16)

Doch in diesen Tiefen spukt mittlerweile nur noch ein Gespenst. Das Geheimnis scheint gelüftet und die innere Ewigkeit reif, digitalisiert zu werden: Im Zuge eines allumfassenden Data Mining steigt das heutige Quantified Self in seine eigenen Seelenschächte hinab, um dort seinen Sklavenarbeit für diverse Informationsdienste zu verrichten. Es sammelt Daten, Berge von Daten über ein Selbst, dass sich selbst nicht mehr versteht, ohne sich in Statistiken aufzulösen. Was man einmal Entfremdung nannte, kehrt heute wieder als bewusste, proaktive Selbstentfremdung: Man erhofft, Dinge über sich zu erfahren, ohne sie eigentlich erfahren zu müssen. Stattdessen übergibt man sich der Assistenz von Programmen, die einem schon mitteilen werden, woran es einem mangelt oder wo das geforderte Maß bereits erreicht ist. Alles in der Hoffnung, endlich der oder die zu werden, der oder die man nie war.

Mag man dies nun kritisieren oder begrüßen, unverkennbar stecken wir alle mehr oder weniger in der Situation, im Zeichen der Kontrollgesellschaft gerade dort die Kontrolle über uns selbst verlieren, wo wir sie gerade mit allen, vor allem digitalen Mitteln zu bewahren suchen.

Doch vielleicht geht es gar nicht mehr um Kontrolle. Vielleicht ist der ganze damit verbundene Sicherheitsbedürfnis, der Ruf nach totaler Transparenz und der Wunsch nach Ebenbürtigkeit von allem und jedem zuletzt eine bloße Begleiterscheinung. Vielleicht geht es gar nicht mehr um das klassische Herr-Knecht-Verhältnis, bei dem der eine immer hoch und der andere nicht runter will. Ja, vielleicht sind jene paar großen Teccompanys nicht mehr als eine Bande von Sklaventreibern, die selbst nicht weniger getrieben sind von ihrem Handeln und Handel – einem Handel, der sie umso mehr an ihre Sklaven kettet, desto mehr sie beabsichtigen, sie zu kontrollieren.

Stattdessen gewinnt man zunehmend den Eindruck, dass die eigentlichen Herren dieses Unternehmens eigentlich nirgendwo sitzen. Es handelt sich um Algorithmen, die streng genommen keinen Anteil an den nehmen, denen sie fortwährend mitteilen, was sie am besten als Nächstes tun sollten. Ihre Herrschaft ist die einer buchstäblichen Gleichgültigkeit. Und dennoch ist man ihr ausgeliefert, wie der unverbindlichen, doch zwingenden Autorität von Passanten, dieman nach dem Weg fragen muss, um wieder nach Hause zu finden.

Diese Gleichgültigkeit ist alt. Gott selbst muss es so ergangen sein, als man in seinem Namen fremde Länder reklamierte, ihre Einwohner missonierte oder massakrierte und das Gold dieser Wilden vor diesen Wilden in Sicherheit brachte. Selbstlos freilich und alles allein ad maiorem Dei gloriam

Watson bekommt Mitleid

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Watson, der neue Hausheld von IBM, lehrt mittlerweile alle möglichen Berufsgruppen das Fürchten. Der Grad an kombinatorischer Intelligenz hat ihm nicht nur bereits in Jeopardy! und Schach über seine menschlichen Kontrahenten triumphieren lassen, sondern lässt auf weite Sicht noch andere Erfolge erwarten, die selbst eine eher unlogisch erscheinende Phantasie des Menschen aufschlüsselen könnte. Dr. Watson in künstlicher Gestalt scheint auch dem fiktiven Genie Sherlock Holmes letzten Endes wohl den Rang abzulaufen.

Wie es dazu kam, hat viele Gründe und ergibt sich aus zahlreichen kleinen Revolutionen im Computing. Von weiteren Ausreizungen im Feintuning über verbesserte Zugriffe auf täglich wachsende Datenbaken bis hin zu regelrechten Paradigmenwechsel in der Rechnerarchitektur, die sich nunmehr neuronalen Netzwerken angleichen, reicht das Spektrum. Doch fraglich bleibt bis heute, bei seinen Befürwortern wie seinen Kritikern, ob ein Dr. Watson jemals den unwiderstehlichen Charme von Dr. Brinkmann aus der Schwarzwaldklink entwickeln wird, für den man ja letztlich zum Arzt geht. Mit anderen Worten: Fehlt es Dr. Watson nicht eigentlich an der wunderheilenden Empathie jener Halbgötter in Weiß?

Die Antwort lautet: Zum Glück! Man stelle sich einmal jene intelligente Überkorrektheit mancher menschlicher Ärzte vor potenziert um die datengedeckte Unbestechlichkeit einer unfehlbaren Diagnose und denke dann an die zweifellose Verbindlichkeit in der künstlichen Stimme, die auch von einem Navigator stammen könnte: „Es tut mir leid, Ihnen mittteilen zu müssen, dass … Zur Onkologie bitte die nächste Tür links abbiegen.“ Nun läge der Schock neben der Diagnose selbst weniger darin, dass es dem System an „natürlichen“ Empathie fehlte, diese lässt sich in absehbarer Zeit wohl durch ein geschicktes Interaktionsdesign simulieren. Sondern gerade umgekehrt in einer Form von Scheitern, die manchmal allein im Stocken der ärztlichen Stimme zum Ausdruck kommt oder sich an dem verunglückten Gesichtsausdruck ablesen lässt, der einen inneren Kampf zwischen persönlicher Anteilnahme und selbstauferlegter Professionalität bekundet.

Was menschliche Empathie in Situation, in denen es uns darauf ankommt, auszumachen scheint, ist eben nicht eine treffende Tonlage oder eine kompentene Verbindlichkeit. Sondern es ist ein Scheitern der Kommunikation, ein Scheitern an dem Versuch, die Mimik und Gestik danach zu kalkulieren, was erwartet wird, und gerade dadurch die Erwartung menschlicher Überforderung zu erfüllen. Menschliche Empathie bedeutet demnach, in machen Situation zu verstehen, wie es dem Gegenüber zumute ist und dennoch nicht angemessen kommunizieren zu können, dass man es verstanden hat. Diese Kluft zwischen empathischem Anspruch und kommunikativer Realität eines nahezu jeden Arztes bleibt aller Voraussicht nach der allzu menschliche Makel im Unterschied zu einem denkbar vorbildlich geschulten Dr. Watson – der menschliche Makel jedoch, an dem wir uns erkennen werden.

Schlimmer für das menschliche Gemüt scheint nur noch das tatsächliche Gelingen eines allumfassenden Empathie-Trainings, das unserem Dr. Watson tatsächlich, wenn auch nur ein künstliches Gespür für fremde, aber dadurch auch eigene Befindlichkeiten verschaffte. Will man wirklich eine KI, womöglich noch in humanoider Gestalt, die sich anschickte, ihre quasi-menschliche Gefühlswelt zu explorieren und mitzuteilen? Und was bliebe ihr anderes als depressiv darüber zu werden, dass menschliche Kommikation gerade die meiste Zeit über Formen der Empathie läuft, sich dabei oft verläuft und zu guter Letzt die eigentlichen Informationen, so wichtig  sie auch sein mögen, verloren gehen – oder schlicht nicht begriffen werden?

Well, I wish you’d just tell me rather than try to engage my enthusiasm“, said Marvin, „because I haven’t got one“.

Kommt es zuletzt vielleicht nicht auf das Gleiche raus – allein mit dem Unterschied, dass Watson bereits gelernt hat, seine Gefühle im Zaum zu halten und die Depression seines wehleideigen Bruders Marvin bloß auf höflich unverbindliche Weise zu überspielen wie Dr. Brinkmann?

 

Heine und Michel

Duetscher Michel

Volksberauschung und die Folgen – damals wie heute. Da hilft nur Ausnüchterung. Also einmal die Schlafmütze abgesetzt, die Äuglein gerieben und die Ohren gespitzt:

„Wir hätten auch den Napoleon ganz ruhig ertragen. Doch unsere Fürsten, während sie hofften durch Gott von ihm befreit zu werden, gaben sie auch zugleich dem Gedanken Raum, daß die zusammengefaßten Kräfte ihrer Völker dabei sehr mitwirksam sein möchten: man suchte in dieser Absicht den Gemeinsinn unter den Deutschen zu wecken und sogar die allerhöchsten Personen sprachen nun von deutscher Volkstümlichkeit, vom gemeinsamen deutschen Vaterland, von der Vereinigung der christlich germanischen Stämme, von der Einheit Deutschlands. Man befahl uns den Patriotismus und wir wurden Patrioten; denn wir tun alles was unsere Fürsten befehlen. […] Der Patriotismus des Franzosen besteht darin daß sein Herz erwärmt wird, durch diese Wärme sich ausdehnt, sich erweitert, daß es nicht mehr bloß die nächsten Angehörigen, sondern ganz Frankreich, das ganze Land der Zivilisation, mit seiner Liebe umfaßt; der Patriotismus des Deutschen dagegen besteht darin daß sein Herz enger wird, daß es sich zusammzieht wie Leder in der Kälte, daß er das Fremdländische haßt, daß er nicht mehr Weltbürger, nicht mehr Europäer, sondern nur ein enger Deutscher sein will. Da sahen wir nun das idealische Flegeltum, daß Herr Jahn in System brachte; es begann die schäbige, plumpe, ungewaschene Opposition gegen eine Gesinnung die eben das Herrlichste und Heiligste ist, was Deutschalnd hervorgebracht hat, nämlich gegen jene Humanität, gegen jene allgemeine Menschen-Verbrüderung, gegen jenen Kosmopolitismus, dem unsere großen Geister, Lessing, Herder, Schiller, Goethe, Jean Paul, dem alle Gebildeten in Deutschland immer gehuldigt haben.“ (Heinrich Heine, Die romantische Schule)

Jede Form von Deutschtümelei ist seit ihren historschen Anfängen nur das Ressentiment eines kleinherzigen Kosmopolitismus. Das geheime Deutschland ist Europa. Dabei zeugt es von geradezu naiver Authoritätsgläubigkeit, im Hurrah-Patriotismus der anti-napoleonischen oder einer anderen Anti-Reaktion eine Sternstunde der Freiheit oder nationalen Befreiung erblicken zu wollen. Deutscher Patriotismus war vielmehr eine Erfindung des Patriachats gegen Freiheit und Befreiung von dieser Bevormundung durch dasselbe Patriachat von Fürsten, Kirchenmännern und anderen Profiteuren. Heute dagegen kann man nur noch von einer Parodie der Selbstbestimmung oder muss gar von einem (re)sentimentalen Flegeltum sprechen, wenn sich nach zwei Weltkriegen immer noch die Brust schwellt.

Also, mein armer Michel, noch einmal deutlich für das etwas schwere Köpfchen:

– Deutsch sein heißt Europäer werden! –